Epiphanie – die Magie des Augenblicks

Hast du schon mal eine kurze, normalerweise unbedeutende Situation in deinem Alltag irgendwie besonders wahrgenommen oder in dieser eine plötzliche Erkenntnis gehabt? Dieses Phänomen, bei dem du unerwartet die Details deiner Umwelt erkennst, nennt man Epiphanie und wird gerne in der Literatur verwendet. Gerade während des Corona-Lockdowns, einer Zeit der Isolation und Entschleunigung, könnte es sein, dass du eine Epiphanie erlebt hast. Im Rahmen des Deutschunterrichts sollten die Schüler der 9a ihre eigenen Epiphanien verfassen und dabei sind unter anderem diese Texte entstanden:  

Der Lichtblick

Wie jeden Samstagmorgen wache ich fast von alleine auf. Das leicht schummrige Licht im Raum macht es mir unmöglich, weiterzuschlafen. Gestern bin ich zwar zu lange wach geblieben, ich kann den Marvel Filmen einfach nicht wiederstehen, aber ich kann trotzdem nicht ausschlafen. Auch wenn ich mich nicht ganz ausgeruht fühle, muss ich irgendwann aufstehen. Um 10:00 Uhr fängt das Training an und ich muss vorher noch essen und mich fertigmachen. Dennoch bleibe ich liegen und bereite mich innerlich auf drei Stunden Volleyball vor.

Das darf man jetzt nicht falsch verstehen. Ich liebe es Volleyball zu spielen und nach dem Training bin ich immer traurig, dass es schon vorbei ist, aber heute ist es anders. Viele Spielerinnen haben kurzfristig abgesagt und das ist ein generelles Problem bei uns. Volleyball ist nun mal ein Teamsport und man kann am besten trainieren und sich aufeinander abstimmen, wenn alle da sind. Das sagt mein Trainer auch immer, während er denen, die gekommen sind eine Standpauke hält, wie doof es ist, dass nicht alle da sind. Ich schließe die Augen erneut vor meinem düsteren Zimmer. Etwas liegt schwer in der Luft. Der Anfang des Trainings wird anstrengend. Aber es hilft nichts, also stehe ich auf und mache mich, immer noch ein bisschen müde, die Tür zum Flur auf.

Goldenes Licht empfängt mich und füllt den ganzen Raum aus. Geblendet von Sonnenstrahlen, die funkeln als wären sie aus einer anderen Welt, halte ich mir die Hand vor die Augen um zu erkennen, von wo die warmen Wellen kommen. Aus dem Fenster im Flur strömen Lichtstreifen herüber und tragen mit sich kleine Boote aus Glück und Zufriedenheit, die mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. In ihnen wirbeln tausende kleine Staubkörner und umkreisen sich in einem Tanz der Schönheit. Die Sonne hat gute Laune und gibt etwas davon ab.

Verwundert von den plötzlichen Eindrücken trete ich einen Schritt nach vorne. Ich bin überwältigt, wie das Licht alles goldgelb schimmern lässt, wie es im ganzen Raum ist, ohne bedrückend zu wirken und wie eine echte Wärme über meine Arme streicht. Das Lächeln auf meinem Gesicht wird breiter und es stachelt die Farben, die in meine Augen gelangen, dazu an, noch heller zu werden. In mir breitet sich eine Wärme aus, die den ganzen Tag dortbleibt und mich positiv beeinflusst.

Ich werde mir meines Staunens bewusst und reiße mich von dem Anblick los. So viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Ich muss mich beeilen.

Das Training lief gut. Meine gute Stimmung hat die anderen angesteckt und ist auch bis zum Ende hin nicht verschwunden. Jetzt freue ich mich auf den weiteren Tag, an dem ich mich entspannt im Garten der Sonne hingebe.

Von Silja M.

Seifenblasen und Erinnerungen

Wir liefen nun schon seit Stunden. Immer geradeaus. Es war egal, wohin wir liefen. Das Einzige von Bedeutung waren die Geschichten die wir uns erzählten, während wir den grauen Asphalt entlang liefen. Meine Füße waren schon taub, dem ständigen Druck meines Körpergewichts ausgesetzt und plattgetreten, wie Keksteig unter einem Nudelholz. Auch das war egal.

Was wichtig war, waren die Wörter, die unaufhaltsam aus unseren Mündern sprudelten. Erinnerungen, Momente unseres Lebens, die uns mit Sehnsucht füllten, wie ein Heißluftballon, der mit Wärme gefüllt nach oben getrieben wird. Momente, die sich wie ein Schutzwall um uns herum auftürmten, umhüllt von dem Klang unseres Lachens. Lautes Lachen, dass unsere Körper beben ließ und noch Straßen weiter zu hören war. Lachen, dass die Stille des Abends zeriss und ein wohliges Gefühl in unseren Bäuchen hinterließ.

Wir waren in unserer eigenen kleinen Seifenblase, gefangen in unseren Erzählungen. Fast greifbar war die Euphorie, die uns erfüllte. Ich hätte die Hand ausstrecken und sie mir schnappen können. Sie für immer behalten, damit ich sie in schlechten Zeiten hervorholen und mich erinnern kann. Doch ich tat es nicht, zu sehr war ich gefangen im Hier und Jetzt. Zu sehr genoss ich die kühle Abendbrise auf meiner Haut, die uns die Haare verwuschelte und den Duft von Salz in sich trug.

Von Valentina Z.

Coronaeis

Wir haben seit einigen Wochen keine Schule mehr, da es ein zu hohes Risiko wäre. Wir würden uns gegenseitig anstecken und das derzeit wütende Coronavirus würde sich immer weiter ausbreiten. Schon jetzt spürt man welche Folgen das Virus hat. Man darf keine Freunde treffen und sollte generell Kontakt mit anderen Menschen vermeiden. Dass das nicht einfach ist, merkt man erst, wenn man es miterlebt. Glücklicherweise haben wir schon 2020. Wir haben fortschrittliche Technologien und können per Videochat miteinander sprechen. Trotzdem muss man raus.

Ich zum Beispiel lebe mit meiner Familie zusammen. Wir sind insgesamt zu fünft. Das ist angenehm, obwohl man natürlich die ganze Zeit aufeinander hockt. Heute wollte ich mal etwas weiter mit meinen Inlinern fahren. Normalerweise bin ich bei mir in der Straße immer die gleiche Strecke gefahren. Jeden Tag den gleichen Hindernissen ausgewichen. Neues zu erleben ist wichtig für jeden.

Also schnappte ich mir meine Inliner und fuhr einfach los. Ich hatte einen Plan davon, wo ich hinfahren wollte. Der nächste Ort war das Ziel. Ich muss dazu sagen, dass ich vorher noch nicht rausgegangen bin und somit vom Kontaktverbot nicht viel mitbekommen habe. Ich wusste, wie ich mich verhalten sollte. Die selbstgenähte Maske befand sich in meiner rechten und mein Personalausweis in der linken Jackentasche. Es gab noch keine Pflicht, aber sicherheitshalber nahm ich sie mit. Während ich fuhr machte ich mir Gedanken um das Virus. Warum hat es sich bloß so schnell ausgebreitet? Konnte man denn nichts dagegen tun? Ich war kein Virologe, weshalb ich diese Gedanken schnell zur Seite schob. Im Sommer fahre ich diese Strecke manchmal mit dem Fahrrad. Erinnerungen an verschiedene Situationen kommen hoch und ich muss grinsen.


Als ich im Ort ankam, schlüpfte ich in meine Turnschuhe. Danach ging ich zur Eisdiele und was ich als erstes sah, war ein Schild, auf welchem auf den Abstand von 2m hingewiesen wurde. Auf dem Boden klebten leuchtend rote Schilder, damit auch der letzte Idiot bemerkt wo er stehen sollte.  Ich reihte mich also ein und stellte mich ordentlich auf das Schild vor meinen Füßen. Als ich an der Reihe war, guckte mich eine Frau leicht genervt durch die Plexiglasscheibe an, die aufgehangen wurde um zu vermeiden, dass sich jemand infiziert. Ich gab meine Bestellung auf und sah wie eine andere Frau hinter der eigentlichen Theke stand und mit Gummihandschuhen und Maske die Eiskugeln in einen Becher drückte.

Nachdem ich mein Eis hatte, schlenderte ich zum Marktplatz und setzte mich dort auf eine Bank. Ich starrte ein paar Sekunden auf mein angefangenes Eis. Kurz darauf sah ich ein Feuerwehrauto vorfahren. Eine handvoll Leute stiegen aus. Sie hatten alle Kleidung an, auf der Ordnungsamt steht. Ich wurde leicht nervös. Der Anblick von diesen streng guckenden Menschen überzog meine Haut mit einer leichten Gänsehaut. Ich wusste, dass ich nichts Verbotenes getan hatte.  Diese Menschen hatten etwas Bedrückendes an sich. Ich kannte natürlich niemanden von ihnen persönlich, allerdings hat dieses Wort, welches einfach nur elf Buchstaben hat, hat eine große Wirkung auf einen. Genau wie das Wort Polizei einen unruhig macht, obwohl man nichts verbrochen hat.

Jedenfalls machte das Ordnungsamt alles nur noch bedrückender. Diese Situation, die schon so bedrückend ist, wird durch dieses Wort einfach nur noch verstärkt. Diese Ungewissheit, wann es vorbei ist, quält jeden. Jeder möchte einfach nur in sein altes normales Leben zurück. Je mehr man darüber nachdenkt, desto beunruhigender ist das Thema. Nach dieser Situation werden wir alle verändert sein. Teilweise vorsichtiger, teilweise aber noch wütender auf die Politiker, als vorher. Menschen sterben an diesem dummen Viren. Dieses Virus ist schlau. Das muss man wirklich sagen. Verdammt schlau…

Von Anna K.

Der abendliche Spaziergang

Wie fast jeden Abend spaziere ich auch heute wieder durch das Feld. In den letzten Wochen treffe ich mich nahezu jeden Abend mit meiner besten Freundin und wir gehen dann gemeinsam durch das Feld und nutzen die späten Abendstunden noch aus.

Die Sonne, die mittlerweile wie ein riesiger Feuerball aussieht, steht schon tief am Himmel und man kann den großen Mond auch schon deutlich am Himmel erkennen. Es ist fast Vollmond und mit etwas Fantasie kann man in diesem Mond auch ein uns anlächelndes Gesicht erkennen. Während wir immer weiter gehen, unterhalten wir uns und genießen die frische Luft, die der Wind um uns herum bläst. Wir genießen den Gesang der Vögel und hören hin und wieder das Blöcken einiger Schafe, die ihr Zuhause auf einem kleinen Hof im Feld haben. Für einen kurzen Moment lauschen wir dem Gespräch der Schafe und dem wunderschönen Gesang der Vögel.

Ich halte inne und nehme die verschiedenen Klangfarben der Schafe wahr und die verschiedenen Melodien, die die Vögel zwitschern. Ich vergesse meine Umwelt und fokussiere mich auf die Geräusche.  Je länger ich diesen lausche, desto mehr Variation höre ich darin und ich bekomme das Gefühl, als würden die Tiere mit mir reden. Für einen kurzen Moment stehe ich einfach nur da und bewundere die Variation der verschiedenen Melodien und Klänge, die sich um mich herum befinden. Plötzlich reißt mich die Stimme meiner Freundin, aus einem kurzen Moment der Begeisterung heraus und fragt, ob wir weitergehen sollen. Ich bemerke meine kurze Abwesenheit, löse mich von meiner Begeisterung und stimme zu.

Hin und wieder kommen uns Fahrradfahrer entgegen, die das sonnige Wetter genutzt haben, um eine Fahrradtour mit der Familie zu machen und einige Hundebesitzer, die ihre letzte Runde für heute mit ihrem Hund drehen und gelegentlich Jogger, die durch das Feld joggen und den Zugwind sichtlich genießen. 

Wir hören die Grillen, die sich irgendwo in dem hoch gewachsenen Gras verstecken, an dem wir gerade vorbeilaufen. Wir sind tiefenentspannt und bekommen gar nicht mit wie schnell die Sonne hinter den kleinen rosafarbenen Wolken verschwindet. Nach einem kurzen Moment ist die Sonne schließlich komplett verschwunden und man sieht nur noch einen rosafarbenen Schleier, den die Sonne hinter sich herzieht. 

In dem mittlerweile tiefblauen und klaren Himmel kann man schon den ein oder anderen hell leuchtenden Stern erkennen. Wir begegnen nur noch einer Handvoll Menschen, die genauso wie wir die Ruhe in dem Feld für einen Spaziergang nutzen. 

So langsam begeben wir uns auf den Weg nach Hause. Wir schlendern noch ein kleines Stück durch das Feld, in dem wir noch einen Hasen bemerken, der ganz schnell durch das Feld hoppelt. Wir gehen noch ein kurzes Stück gemeinsam, bis wir bei meiner Freundin zuhause angekommen sind. Das letzte Stück gehe ich alleine. Es dauert nur noch ein paar Minuten, bis ich schließlich zuhause bin. Ich genieße noch die letzten Minuten an der frischen Luft, bis ich schließlich die Haustür öffne und hereingehe.

Von Henrike B.

Frühling

Es war ein normaler Mittwoch in den Osterferien. Naja, normal kann man es nicht wirklich nennen. Durch die Corona Krise konnte ich weder meine Freunde besuchen noch irgendetwas anderes draußen machen, was ich in den Ferien nur zu gerne tat. Doch ich machte mir nicht viel daraus und beschloss trotzdem den Tag in vollen Zügen zu genießen.

Der Rest meiner Familie war beschäftigt. Meine Mutter kam gerade von der Arbeit nach Hause, mein Vater hielt eine Vorlesung vor seinen Studenten im Büro, wobei man ihn nicht stören sollte und mein kleiner Bruder las irgendein Buch. Ich hingegen war mir zuerst unklar darüber, wie ich meinen freien Nachmittag verbringen sollte. Doch dann tat ich, was ich fast immer tue, wenn mich die Langeweile einholt.

Kurzerhand schnappte ich mir meinen Zeichenblock, bunte Stifte und meine Kopfhörer und ging in unseren Garten. Es war wärmer als gedacht. Überall waren neue, bunte Blumen aus der Erde gesprossen, die den Garten mit unzähligen Farben füllten. Erstaunt erblickte ich pfirsichfarbene Rosen, die immer weiter nach oben kletterten, als würden sie den tiefblauen Himmel erreichen wollen. Zwei Zitronenfalter spielten direkt vor mir Fangen. Die Sonne schien durch die hohen Bäume hindurch in unseren großen Garten, als würde sie sich heimlich hineinschleichen. Langsam ging ich den Weg zu unserem Strandkorb. Die Sonne schien mir in den Rücken und mir wurde augenblicklich warm.

Ich legte meine Malsachen ab und ließ mich in den Strandkorb fallen. Mein Blick fiel auf die pinken Blumen. Ihre Farben strahlten nur so, was bezaubernd aussah. Bienensummen kam von irgendwo her. Auf einmal schien die Sonne direkt in mein Gesicht, aber das machte mir nichts aus. Von überall überkroch mich die Wärme der Sonne. Ihre Sonnenstrahlen kitzelten auf meiner Haut. Sie strahlte jetzt so stark, wie ein funkelnder Diamant und dabei schien sie so groß und mächtig. Kaum zu glauben, dass sie sich fast 150 Mio. Kilometer entfernt von der Erde befindet.

Ich schloss meine Augen und genoss den Moment. Vogelgezwitscher drang in meine Ohren. Wie lange ich einfach dort saß und nichts tat wusste ich nicht und es war mir um ehrlich zu sein auch egal. Als ich meine Augen öffnete, sah ich wie unser Kater durch das grüne Gras schlich und auf meinen Schoß springen wollte. Vorsichtig platzierte ich ihn auf einem Kissen, wo er sich sofort wohlfühlte und schnurrend die Augen schloss. Es schien, als würde er auch den endlich angekommenen Frühling genießen. 

Von Amelie M.

Das Fotoalbum

Langsam setzt mir die Langeweile ziemlich zu… Dieses ganze Herumsitzen zuhause und Vermeiden von sozialen Kontakten macht alles umso schlimmer.

Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich eines meiner Fotobücher und schlage die erste Seite auf. Auf dem Foto kann mach mich als Baby sehen. Als leicht genervtes Baby. Man kann diesen Gesichtsausdruck nur als äußerst amüsant beschreiben.

Etwas geht in mir auf, jedoch ist es noch unscheinbar.

Je mehr Fotos ich mir anschaue, desto größer wird mein Lächeln. Ich bin dankbar. Dankbar für all diese schönen Momente. Mein Herz schnurrt schon vor Wonne. Doch es sollte sich noch nicht zu sehr freuen. Immerhin steht das Beste noch zuvor, es weiß es nur nicht.

Nach weiterem Herumblättern in den glatt zahllosen Seiten voll von Bildern und Kollagen, finde ich etwas:

Es ist ein Bild von mir, es wurde vielleicht vor ein oder zwei Jahren von meiner allzu lieben Mutter geschossen. 

Das soll ich sein? Unmöglich. 

Das Mädchen auf dem Foto lächelt, es sieht zufrieden, gar glücklich aus. Seine Wangen sind leicht pink, und man konnte schon fast das Parfum durch das Foto hindurch riechen. Sein schönes, im Licht goldblondes Haar wellte sich wie die Wellen im Meer. Es ähnelte schon fast den Kaffeeflecken auf einer der Gardinen in meinem Zimmer, welche mir immer wundervolle Geschichten über die Seefahrt offenbarten. 

Ich bekomme Gänsehaut.

Nein, das kann nicht ich sein.

Sie zieht mich in ihren Bann. Wie gerne ich sie doch kennenlernen würde, auch wenn ich sie eigentlich besser als jeder andere kennen sollte.

Vielleicht war es doch wahr.

Eine Welle aus goldener Euphorie trifft mich. Wie schön es doch ist, auf der Welt zu sein.

Ich schließe das Fotobuch und lege aus auf seinen nun leicht staubigen Platz zurück.

Es ist ein guter Tag, und es wird auch immer einer bleiben. 

Von Vanille C.

Ein Meer an Eindrücken

Müde stieg ich die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Es war ein anstrengender Tag gewesen und draußen war es schon vollkommen dunkel. Ich hatte lange Zeit am Schreibtisch gesessen und den unerklimmbaren Berg an Aufgaben bearbeitet, den uns die Lehrer während der unfreiwilligen Corona- Schulschließungen aufgaben. Bei dem Gedanken an den Aufgabenstapel, den ich in den nächsten Tagen noch würde abarbeiten müssen, seufzte ich und betrat das Zimmer.

Während mein Kopf stundenlang wegen eines kniffeligen Lateintextes geraucht hatte, hatte die Sonne, deren Lichtstrahlen den Staub in der Luft tanzend herumwirbeln ließen, das Zimmer unter dem Dach durch die großen Fenster unbemerkt mit Wärme aufgeladen, die jetzt als warme, abgestandene Luft im Zimmer still stand. Um diesem Zustand entgegenzuwirken, öffnete ich die Fenster, ohne wirklich nach draußen zu schauen. Danach ging ich ins Badezimmer, machte mich bettfertig und wollte gerade auch das letzte Dachfenster schließen, als ich innehielt. 

Ich war den ganzen Tag lang nicht draußen gewesen und nun strich eine lauwarme Brise wie ein leichtes Tuch über mein Gesicht. Der Wind spielte mit meinen Haaren und die Woge frischer Luft löste urplötzlich ein unbändiges Gefühl von Freiheit in mir aus, das wie das Licht eines Leuchtturms die Dunkelheit durchleuchtete. Ich ließ mein Licht über die dunklen, unergründlichen Wellen der Häuserreihen schweifen. Auf das hell erleuchtete Wohnzimmer meiner Nachbarn, das mit seinem Lichtsignal „Uns geht es gut“ durch die Wellen funkte, und auf die Umrisse des Mastes eines Spielturms, dessen Fahne im sanften Wellengang flatterte. Mein Licht glitt weiter über die Baumkronen, die von der Brise umspült wurden, und dann höher.

Ein plötzlicher Impuls brachte mich dazu, in den Himmel zu blicken, und was ich dort sah, überraschte mich. Ich sah Sterne. Blasse und doch helle, unscheinbare und doch wunderschön funkelnde Sterne. Warum war ich überrascht? Es gibt sie überall auf der ganzen weiten Welt. Und natürlich hatte ich sie schon hunderte Male gesehen. Wer nicht? Aber trotzdem überraschte mich meine eigene Überraschung. Selbstverständlich gibt es auch in Kempen Sterne, aber hatte ich sie schon einmal bewusst betrachtet? Nein. Ich war im Stress des Alltags nie dazu gekommen.

Doch nun ließ ich das Meer an Eindrücken um mich herum auf mich wirken und ließ zu, dass mich die Atmosphäre überwältigte. Denn in diesem Moment gab es nur die vertrauten Wogen, die neu entdeckten Sterne über mir und mich, den Leuchtturm, der durch die Magie des Augenblicks strahlte. 

Von Viola H.

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